Anna Jermolaewa.

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21er Haus
Museum of Contemporary Art 
Anna Jermolaewa. Beide Weiß
Presseführung:
Donnerstag, 13. Oktober 2016 | 10 Uhr
Eröffnung:Opening:
Donnerstag, 13. Oktober 2016 | 19 Uhr
Kuratorin Luisa Ziaja
 Ausstellung:Exhibition:
14. Oktober 2016 – 22. Januar 2017
Quartier Belvedere,
Arsenalstraße 1, 1030 Vienna, Austria

Bildschirmfoto 2016-10-07 um 13.22.21.jpg

Beide Weiß (nach Valeria Mukhina), 2015
Courtesy die Künstlerin und Kerstin Engholm Galerie, Wien
21er Haus
Museum of Contemporary Art
Anna Jermolaewa. Beide Weiß
Artist talk:
Anna Jermolaewa im Gespräch
Mittwoch, 19. Oktober 2016 | 19 Uhr
mit Kuratorin Luisa Ziaja
Ausstellung:Exhibition:
14. Oktober 2016 – 22. Januar 2017
Quartier Belvedere,
Arsenalstraße 1, 1030 Vienna, Austria
 
Welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Machtverhältnissen
sind wir ausgesetzt? Und wie lassen sich im Alltag Erfahrungs- und
Handlungsräume erschließen? Fragen wie diese beschäftigen die 1970 in
St. Peterburg geborene und seit 1989 in Wien lebende Künstlerin
Anna Jermolaewa schon lange. Sie findet ihre Bilder im Hier und Jetzt,
richtet die Aufmerksamkeit auf Nebensächlichkeiten, auf Selbstverständliches,
dem letztlich das große Ganze menschlicher Existenz eingeschrieben ist.
Jermolaewas Motive bestechen gerade in ihrer Einfachheit und zeugen
zugleich vom analytischen Interesse der Künstlerin an Strukturen, in denen
sich soziale, politische oder auch geschlechtsspezifische Ungleichheit äußert.
Ihr Blick ist dabei niemals selbstgefällig oder pathetisch, vielmehr entlarvend
ironisch, manchmal sogar von beißendem Humor und stets emphatisch.
Die Ausstellung Beide Weiß versammelt Werke von den frühen 1990er-Jahren
bis heute und umfasst neben Jermolaewas bevorzugten Medien Fotografie
 und Video auch malerische, zeichnerische, skulpturale und installative Arbeiten.

Einleitung Von Luisa Ziaja
Die titelgebende Arbeit der Präsentation einer Auswahl von Werken
der in St. Petersburg geborenen und seit den 1990er-Jahren in Wien
lebenden Künstlerin Anna Jermolaewa, Beide Weiß (nach Valeria Mukhina),
wirkt in ihrer reduzierten Formensprache und Materialästhetik wie eine
minimalistische Installation: Eine weiße und eine schwarze Pyramide sind
auf einem schwarzen Tisch platziert, unweit davon hängt ein gerahmtes
Aquarell, das die beiden Objekte zweidimensional abbildet, wobei unklar
bleibt, welches Element das andere reproduziert. Vielleicht ist das auch
nicht so wichtig, jedenfalls stellt die Arbeit die Kunstfertigkeit Jermolaewas
in beiden Medien aus.
Ginge es hier aber ganz in der Tradition der Minimal Art um die reine,
selbstreferenzielle geometrische Form, die auf nichts als sich selbst
verweist, würde es sich mit Sicherheit nicht um eine Installation der
Künstlerin handeln. Zwar eignet sich Jermolaewa, wohl unter dem
Eindruck eines längeren Aufenthalts in New York, bei dem sie permanent
mit der Minimal-Ästhetik konfrontiert war, diese an, sie verlässt aber die programmatische Selbstbezüglichkeit zugunsten des hinter der Form
stehenden Narrativs: Der Titel referiert auf die sowjetische Psychologin
Valeria Mukhina und ihre Experimente zum Konformitätsverhalten von
Individuen in einer Gruppenkonstellation.
Bildschirmfoto 2016-10-07 um 13.45.30.jpg
Basierend auf ähnlichen Versuchsanordnungen ihres polnisch-amerikanischen
Kollegen Solomon Eliot Asch, die der Gestaltpsychologe in den 1950er-Jahren
in den USA durchgeführt hatte und deren Ergebnis das schockierende Ausmaß manipulativen Konformitätsdrucks belegte, übertrug Mukhina das Experiment
in den 1970er-Jahren in die UdSSR. Dort waren die Forscherinnen und Forscher
überzeugt von der Widerstandsfähigkeit ihrer Probanden. Doch entgegen der
gegebenen, augenfälligen Faktizität einer weißen und einer schwarzen Pyramide
waren die Testgruppen – mit jeweils einem Probanden, der der Manipulation
der restlichen Mitglieder ausgesetzt war – der Meinung, beide seien weiß.
Fragen danach, welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und
Machtverhältnissen das Individuum ausgesetzt ist und wie sich im Kleinen,
im Alltäglichen Erfahrungs- und Handlungsräume für die Einzelne und
den Einzelnen erschließen lassen, beschäftigen Anna Jermolaewa schon lange.
Die Motive ihrer Videos, Fotografien und Installationen bestechen
gerade in ihrer Einfachheit und zeugen zugleich vom analytischen Interesse
der Künstlerin an (hegemonialen) Strukturen, in denen sich soziale,
politische oder auch geschlechtsspezifische Ungleichheit äußert.

Jermolaewa findet ihre Bilder im Hier und Jetzt, richtet ihren
Blick auf Nebensächlichkeiten, auf Selbstverständliches, dem letztlich
das große Ganze menschlich er Existenz eingeschrieben ist.
Ihr Blick ist dabei niemals selbstgefällig oder pathetisch, vielmehr
entlarvend ironisch, manchmal sogar von beißendem Humor und
stets emphatisch.
Bildschirmfoto 2016-10-07 um 13.47.19.jpg
So zeigt etwa das fortlaufende Langzeitprojekt 5 Jahresplan, das sie
seit 1996 alle fünf Jahre durchführt und als ihr Lebenswerk bezeichnet,
immer dieselbe Kameraeinstellung auf die Rolltreppe einer Petersburger
U-Bahn-Station. Die lapidare Momentaufnahme hält Menschen in
Bewegung fest, die sich über die Jahre sonderbar ähneln, auch wenn sich
ihre Lebenswelt grundlegend verändert hat. Jermolaewa navigiert
zwischen den Realitäten des postkommunistischen Ostens und des
spätkapitalistischen Westens wie auch in all den Zwischenzonen und
fängt die Manifestationen und Materialisierungen ökonomischer,
politischer und sozialer Verhältnisse und ihrer geschichtlichen
Dimension ein. Sie porträtiert die Katzen der Petersburger Eremitage,
die als veritable Mitarbeiter des Museums gelten können, und erzählt
zugleich die Geschichte der Belagerung der Stadt durch deutsche Truppen
im Zweiten Weltkrieg. Oder davon, wie der bis vor wenigen Jahren
geltende sogenannte „Disney-Look“ in Form von Verordnungen und
Verboten, beispielsweise einen Bart oder Make-up zu tragen, dem
Management des Vergnügungsparks direkten Zugriff auf die Körper
seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erlaubte.
Als Flaneurin mit der Videokamera hält Jermolaewa Realitäten Einzelner
und Vieler fest, in einer Art, wie sie wohl Walter Benjamin gefallen hätte,
mit einem Blick, der uns eine Ahnung davon gibt, was er wohl gemeint
haben könnte, als er davon schrieb, dass der historische Materialist angehalten
sei, die Geschichte – und man könnte wohl hinzufügen auch die Gegenwart –
gegen den Strich zu bürsten und darauf zu bestehen, dass schwarz schwarz
ist und nicht weiß.
Anna Jermolaewa
*1970 in Sankt Petersburg (RU),
lebt und arbeitet in Wien (AT).
1998
Abschluss des Kunstgeschichte-St udiums an
der Universität Wien
2002
Abschluss
an der Akademie der bildenden Künste, Wien
(Klasse für Kunst und digitale Medien), Wien
2005 – 2010
Professorin für Medienkunst, Staatliche Hochschule für Gestaltung
Karlsruhe / ZKM, Karlsruhe (DE)
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