michael-kienzerlines-and-double

KOER13.51.09

KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien
Wiener Linien initiierte
Michael Kienzer, LINES AND DOUBLE
Eröffnung
Dienstag, 5. September 2017 | 18.30 Uhr
Es sprechen:
Günter Steinbauer, Vorsitzender der Geschäftsführung Wiener Linien
Dirck Möllmann, Kurator Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark
Anschließend Fahrt mit der U-Bahn zur U1-Station Altes Landgut
U1-Station Troststraße (Bahnsteig Richtung Oberlaa), 1100 Wien
Erreichbarkeit: ab 3. September regulärer Fahrbetrieb der U1

http://www.koer.or.at/projekte/lines-and-double/

KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien und von den Wiener Linien initiierte
und unterstützte permanente Projekte.

 

Bildschirmfoto 2017-08-23 um 10.42.42

 

U1-Station Troststraße, 1100 Wien

Für die neu erbaute Station Troststraße der Linie U1 entwickelte Michael Kienzer eine zweiteilige ArbeitSie verbindet einen flächig-linearen und einen dreidimensionalen Ansatz zu einer Gesamtinstallation im Tiefgeschoß des Zugangs in der Klausenburger Straße. Lines and Double ist die erste bildhauerische Intervention im Wiener U-Bahn-Netz, die einen Weg findet, sich trotz aller kontextabhängigen Einschränkungen und Vorschriften von den Wänden zu lösen und eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Raum, Fläche und Architektur zu suchen. Der Künstler reagiert auf die Bauelemente der Station mit einer skulptural gefassten Antithese, die der konstruktiven Funktion ein widerstrebendes, doch zugehöriges Passstück, seine formale Dysfunktion, in Wechselwirkung entgegensetzt. Eine Öffnung beginnt bereits im Titel, der mehrdeutig gemeint ist. Lines verweisen zunächst auf zusätzliche zarte und geradlinige Schnitte in die Wandpaneele entlang der Rolltreppen, die unten beginnend bis fast hinauf zum Eingang reichen. Und das zentrale bildhauerische Element Double lässt sich vorläufig auf einen dritten, direkt neben dem dortigen Doppellift neu konstruierten und nicht begehbaren Schacht im Tiefgeschoß beziehen. Beide Titelworte stehen aber auch im Austausch miteinander, denn die Fugen werden durch die Wandzeichnung ebenso aufgegriffen, in diesem Sinne gedoppelt, wie die Linien für die Struktur des dritten blinden Schachts konstitutiv sind. Dieser führt zwar, anders als sein Vorbild, nicht an die Tagesoberfläche, ist aber mit erkennbar baugleichen Materialien wie Stahlträgern in verschiedenen Stärken, Verbindungselementen, Halterungen und Glasscheiben in einer Weise ausgeführt, die dem raschen ersten Blick wie ein chaotischer Stangenwald erscheint. Das Double, nun aufgefasst als Doppelgänger, bildet im Vergleich mit dem benachbarten Doppellift ein gleichwohl eigenständiges ästhetisches System.

In der offenliegenden Wechselwirkung formaler Gegensätze steckt Kienzers konzeptueller Eigensinn. Skulptur wird nicht als ein formidabler Block oder ein dekorativ gestaltetes Werkstück konzipiert. Sie begreift sich vielmehr grundsätzlich als eine Weise, Raum auf der Basis formal eigenständiger Entscheidungen und Materialeigenschaften zu organisieren. Versteht man traditionelle Skulptur als ein stabil in sich begründetes, endogenes Bezugssystem im Unterscheid zur Installation, die variabel, aber schlüssig in ein umgebendes exogenes Bezugssystem eingepasst wird, dann geht Kienzers Auffassung von Skulptur über dieses Gegensatzpaar hinaus. Seine Form- und Materialkonstellationen als Skulptur vernachlässigen weder den räumlichen Kontext noch den Ortsbezug, sind aber genuin von der Werkautonomie und damit zugleich vom eigenen Interesse her gedacht. Skulptur erarbeitet so verstanden einen momentanen, quasi subjektiven, weil interessegeleiteten Zustand physikalischer Kräfte in Material, Ding, Gegenstand und Form. Der Begriff Zustand ist hier im Sinne der spezifischen Qualitäten wie Dichte, Gewicht, Reibung, Auftrieb, Farbe, Transparenz, Opazität etc. zu verstehen, die sich auf geläufige naturwissenschaftliche Tatsachen beziehen.(1) Dieser Zustand in der Gemengelage von Elementen ist kein Anschauungsunterricht für Physik, sondern ein mehrdeutig interpretierbares bildhauerisches Werk. Kienzer widerstrebt mit seiner Kunst immer auch simpler Didaktik oder der Wirkung von Pathos und Erhabenheit. Er schafft konkrete, dabei doppelbödige, humorvolle und widersprüchliche Situationen. Die Befragung des Zusammenspiels substanzieller Eigenschaften, sucht Grenzgänge in den lang beackerten Feldern der Bildhauerei und bringt Ordnungssysteme mit bezwingend lakonischen Lösungen in neue Konstellationen. Seine Skulpturen streifen das Erzählerische einfach ab. Sie sind raumgreifend, manchmal sperrig elegant sowie von unmittelbarer Präsenz in Form und Materialität. Michael Kienzer selbst hat für seine öffentliche Kunst an anderer Stelle auch die Bezeichnung „konkave Skulptur“(2) verwendet, mithin die Vorstellung einer nach innen gewölbten Form, die sich im übertragenen Sinne mit einem Hohlspiegel vergleichen ließe, der einfallendes Licht bündelt, reflektiert und zerdehnt.

Wie findet sich diese komplexe und zugleich auf ein Wesentliches reduzierte Auffassung von Skulptur in einer U-Bahn-Station wieder, deren funktionaler Transitraum Tag für Tag ein hohes Maß an Sicherheit und Regulierung zum störungsfreien Durchfluss gewährleisten muss? Eine Stiege, drei Rolltreppen und zwei Personenaufzüge führen kompakt verbaut aus drei Richtungen hinunter in die Tunnelröhren. Diese Architektur der Mobilität besteht aus beweglichen Elementen, Bewegungsrichtungen und Raumwendungen in Horizontalen, Vertikalen und treppengestuften Diagonalen. Im Tiefgeschoss der U-Bahn-Station antwortet Michael Kienzer auf die gegebene Raumsituation mit einer konstellativen Skulptur, die vorfindliche Elemente in ihre Struktur einbezieht. Neben dem bestehenden Doppellift aus Stahl und Glas konstruiert er aus baugleichen Materialien einen dritten in sich verzerrten Schacht auf asymmetrischem Grundriss. Der Künstler interpretiert die vorhandene Konstruktion als skulpturales Element, das er in eine radikalere Form übersetzt. Zu diesem Zweck wird die Liftkonstruktion untersucht, analysiert und in ihre Einzelelemente zerlegt, in eine neue Struktur eingepasst; ihre Teile werden verschoben, verstellt und in eine verzerrte Kubatur überführt. Mit sichtbarem Bezug auf die Raumdimensionen des bestehenden Liftschachts und seine Materialien erschließen nun mehrere Stahlprofile in chaotisch anmutenden Diagonalverstrebungen einen neuen Hohlraum. Die Gläser, in gleicher Bauart wie der Liftschacht, sind integrativer Bestandteil des Kunstwerks. Sie reichen hoch bis zur Hallendecke, doch anders als die Aufzüge, die durch die Decke zum Tageslicht führen, enden sie dort. Der senkrechte dritte Schacht bleibt hinter Glas verschlossen, wird von oben beleuchtet und ist nicht betretbar.

Kienzers Raumanalyse differenziert Sinn und Bedeutung von Funktionalität mithilfe von Dysfunktion. Seine Dekonstruktion eines architektonischen Gefüges trägt in das Verkehrsgebäude ein Gegenbild als Denkbild der Zeitlichkeit ein – nicht den Verlauf eines Prozesses, wie man in räumlicher Nähe zum Transportsystem U-Bahn annehmen könnte, sondern einen Moment der Bewegung im Stillstand durch Skulptur.

Für den anderen Teil von Lines and Double, die Linien, wurden Wandpaneele im Stiegenhaus und neben den Rolltreppen auf Grundlage einer Zeichnung diagonal zertrennt und passgenau wieder zusammengesetzt. Die so nachträglich entstandenen „künstlichen“ Fugen wurden mit gleichem Dichtungsmaterial ausgekleidet. Ihre Schnitte sind etwas schlanker ausgeführt als die vertikalen Verbindungsfugen und etwas breiter als die horizontalen. Sie erstrecken sich vom Fuß der Rolltreppe in Richtung Ausgang und begleiten die Passanten auf ihrer Rolltreppenfahrt entlang der sparsamen Linien, die wie unabhängige Richtungsvektoren die Wände im Stiegenhaus überziehen. Die erwähnte Bewegung im Stillstand materialisiert sich in der ausstrahlenden Zeichnung der Wandverkleidung. Die neu entstandene zarte Liniengeometrie erweitert das pragmatische Fugenraster der Architektur, ohne es zu verletzen.

Kienzer greift wie immer bei seinen Arbeiten im öffentlichen Raum auf vorhandenes Inventar, Stoffe oder Strukturen des Ortes zurück und verwendet sie, sich Methoden der Verdichtung, Verknüpfung, Balance und Verschiebung bedienend, für sein eigenes Vorhaben. Der künstliche Schacht setzt sich von der funktionalen Ordnung ab und überführt sie in eine skulpturale Form. Dabei sieht und spürt man intuitiv, dass diese Gegenüberstellung keine Wertung beinhaltet, sondern einen konstellativen Umgang mit Material und Architektur aufzeigt. Eine Konstellation meint das vorübergehende Zusammentreffen von Festkörpern zu einem Bild. Kienzers Eingriff in die standardisierte Architektur entwirft in Verbindung mit den umgebenden Funktionselementen Fahrstuhl, Rolltreppe, Stiege, Bahnschacht und Gleiskörper das Bild einer Bewegung im Stillstand. Tag für Tag in steter Wiederholung sickert solch eine Vorstellung bewusst oder unbewusst in die Wahrnehmung ein und begleitet auf dem Weg durch die Station. Hastend zur U-Bahn oder zurück an die Oberfläche, durchqueren Menschen ein Raumbild, in der Regel ohne es zur Kenntnis zu nehmen. Sobald man aber aufmerkt, wirkt die künstlerische Perspektive ansteckend und erschließt den Passanten eine neue Dimension: die Vorstellungskraft in Bewegung. Für winzige Momente im alltäglichen Geschehen löst sich das skulptural-architektonische Raumgefüge Kienzers für aufmerksame Betrachter/innen treppauf, treppab in dynamische Linien- und Richtungswechsel auf, die einen bei genauerem Hinsehen fast schwindeln lassen können.

Zwischen Funktion und Dysfunktion der benachbarten und vergleichbaren Bauformen des dreidimensionalen Schachts ebenso wie auf dem Lineament der Fläche entsteht ein wechselseitiges ästhetisches Spannungsverhältnis, das die Relevanz von Kunst im öffentlichen Raum mit bildhauerischen Mitteln hinterfragt. Lines and Doubledekonstruiert Architektur durch die Konstellation verschiedener Raumelemente zu einem ortskonträren Denkbild der Zeitlichkeit und erweitert so die Möglichkeiten von Kunst im öffentlichen Raum, um über die breit getretenen Wege der Dekoration, Kommunikation, Repräsentation und Irritation hinauszugelangen.

Text: Dirck Möllmann

Künstler
Michael Kienzer

*1962 in Steyr (AT), lebt und arbeitet in Wien.

Dieses Projekt wurde im Rahmen eines künstlerischen Wettbewerbs als Siegerprojekt gekürt. Für mehr Informationen folgen Sie diesem Link:

http://www.koer.or.at/projekte/lines-and-double/

 

estherartnewsletter_logo_georgia

EVENT LOG
If you want to announce your event in
EstherArtNewsletter please fill out the form.

unnamed-1

Advertisements

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s